Mittwoch, 27. November 2019

Diplomacy in Owen 2019


Die Owener Diplomacyrunde lud einmal mehr zum Verhandlungsmarathon, und im November 2019 fanden sich tatsächlich neun Aktive ein. Dadurch konnte ein Vater-Sohn Paar (der Sohn ein Diplomacy-Debütant) gemeinsam die größte Aufgabe angehen (Russland), alle Länder waren aktiv gespielt und der Berichterstatter konnte Spielleitung und je nach Lage hilfreiche, regeltechnische, taktische oder kriegstreiberische Ratschläge geben.

Abwechselnd zu Fotos vom Fortschritt des Spiels hier ein paar kurze Notizen zum Verlauf aus Sicht der einzelnen Länder. Durch die gute Disziplin der Spieler bei der Einhaltung der Zeitlimits haben wir in wenig mehr als vier Stunden Echtzeit eine kurze Erinnerung an die Regeln und fünf Spieljahre, also zehn Runden, untergebracht.

Alle Bilder sind klickbar, um eine größere Version zu sehen.
Spielbeginn Anfang 1901
Italien bestritt das gesamte Spiel zurückhaltend und abwartend. 1901 wurde unbedrängt Tunis eingenommen. Erst ab 1903/4 begannen Versuche, über Tirol Druck auf Österreich-Ungarn auszuüben.

Im allgemeinen Durcheinander in Mitteleuropa kam das gerade rechtzeitig, um im Endspurt des Spiels Triest und die benachbarte Hauptstadt Wien (!) einzunehmen und mit sechs kontrollierten Versorgungszentren einer von drei Zweitplatzierten zu werden.

Ende 1901: die ersten neutralen Staaten sind besetzt, allerdings in völlig unaufgeregter und unumkämpfter Weise.
Das osmanische Reich spielte ebenfalls solide und stabil, mit schnellen Fortschritten auf dem Balkan, aber ohne sich auf abenteuerliche Konflikte mit Italien einzulassen. Logistische Probleme der Russen (s. unten) reduzierten den Druck vom nördlichen Nachbarn. Nach stetigen Fortschritten kontrollierte der Sultan nicht nur sein Kernland Türkei, sondern auch den gesamten Balkan mit Ausnahme von Rumänien und besetzt damit ebenfalls den zweiten Platz.

Mitte 1902: die Briten haben eine Armee (!) nach Norwegen verschifft, die im weiteren verlauf aber keinen zusätzlichen druck ausübte. Die Russen begannen ihren Marsch nach Süden und die Franzosen die Verteidigung von Paris gegen niemand... aber wenn man sieht wie es später Wien und Moskau ging war es vielleicht nicht so falsch, die eigenen Kernlande mit starken Kräften zu halten.
Russland begann das Spiel mit einem schnellen Schritt nach Schweden, ansonsten aber vor allem einer Bewegung nach Süden. Ein schwungvoller Vormarsch ganz im Osten auf Syrien zu blieb an logistischen Problemen in den Weiten Anatoliens stecken (sprich, ein paar verunglückten unausführbaren Befehlen, die zu Haltenbefehlen wurden).

Ab 1903/4 begann England, die entblößte Grenze im Norden für einen Einmarsch nach St. Petersburg zu nutzen. Gleichzeitig geriet Österreich so unter Druck, dass auch die k.-u.-k. Truppen von Westen her tief ins russische Kernland eindrangen und am Ende Warschau und Moskau kontrollierten. Den Russen blieb nur der südliche Teil ihres ehemaligen Imperiums mit der Krim, und die neu eroberten rumänischen und ungarischen Nachbarn.

Ende 1902: die Russen beginnen ihren langen, holprigen und letztlich erfolglosen Marsch Richtung Syrien, während sie Schweden mit einer einzigen Flotte gegen eine wachsende britische Präsenz halten. Eine französische Flotte beginnt den Weg durchs Mittelmeer.
Österreich-Ungarn in einer der zwei undankbaren zentralen Positionen lavierte sich ohne klar erkennbare Allianzen oder Feindschaften durch die ersten Jahre. Serbien und Rumänien waren die naheliegenden Ziele 1901/2; ab 1904 kam das Habsburgerreich aber zunehmend unter Druck der verzweifelten Deutschen und Russen und der unternehmungslustig gewordenen Italiener.

Ende 1905 waren die Kernlande an Italien (Triest und Wien) bzw. die in Ungarn marodierenden, aus der eigenen Heimat vertrieben Russen verloren. Der Habsburger Hofstaat konnte jedoch nach der Eroberung Moskaus in eine andere Kaiserstadt umziehen und von dort aus den Neuaufbau des verlorenen Reiches planen.

Ene 1903 (glaube ich): die russische Flotte in Schweden ist geschlagen und hat zur eigenen Verwunderung festgestellt, dass einer der wenigen offenen Rückzugswege in das deutsch kontrollierte, aber unbesetzte Dänemark führt. Eine russische Armee in Mitteleuropa findet sich ebenso überrascht von vier Armeen dreier Staaten von der Heimat abgeschnitten in Böhmen wieder. Die Italiener dringen in zweiten oder dritten Versuch in Tirol ein, während eine der drei französischen Armeen sich erstmals in Bewegung setzt und in Piemont einmarschiert.
Deutschland als die andere zentral gelegene Macht hatte auch Probleme, klare und haltbare Allianzen oder Konflikte durchzuspielen. Dänemark wurde schnell erobert und ebenso schnell wie überraschend durch einen unerwarteten Rückzug an eine russische Flotte wieder verloren, Holland und Belgien wechselten mehrmals den Besitzer bzw Besatzer.

Gegen Ende wurde der britische Druck zu groß, Ausweichbewegungen nach Süden hatten auch keinen großen Erfolg und der Kaiser beendete das Jahr 1905 nur noch im Besitz der preussischen Kernlande, da Baden, Württemberg und Bayern sich 1905 den französischen Nachbarn geschlagen geben mussten.

(So sehr ich das Spiel ansonsten mag, aber die Summe von Baden, Württemberg, Bayern, Thüringen und Hessen als "München" zu bezeichnen geht wirklich gar nicht...)

Mitte 1905 (glaube ich): die russische Flotte hat sich ins Baltikum zurückgezogen und Skandinavien den Briten überlassen, die sich außerdem in Norddeutschland wiederfinden. Italien steht in Triest. Habsburg und Russland sind in Auflösung begriffen.
Frankreich hielt das ganze Spiel über an den Absprachen mit dem vereinigten Königreich fest, insbesondere der Freihaltung des Kanals. Schnell und unangefochten fiel die iberische Halbinsel an Frankreich, danach beschränkten sich die französischen Armeen konsequent auf das Verteidigen des eigenen Landes gegen nicht existente Feinde. Ganz im Endspurt übernahm Frankreich dann noch die süddeutschen Königreiche und beendete das Spiel mit sechs besetzten Versorgungszentren auf dem dreifach geteilten zweiten Platz.

Schlussstand. Die Hand verdeckt das österreichisch (!) besetzte Moskau, die Russen sind auf dem Weg in den Sommerurlaub am Schwarzen Meer, Italien hat im Endspurt Wien erobert, der Kaiser Süddeutschland an die Franzosen verloren und die Briten kontrollieren Nordsee, Ostsee, Skandinavien und das Baltikum bis hin nach St. Petersburg für einen klaren Punktsieg.
Eine klassische diplomatische Strategie und die günstige geographische Lage mit wenigen direkten Konkurrenten ermöglichte den Briten die stabilsten Bündnisse des Spiels. Der Nichtangriffspakt mit Frankreich hielt bis zum Ende, auch die Russen waren überzeugt, ihre Nordgrenze praktisch völlig entblößen zu können und sich auf einen Vormarsch nach Süden zu konzentrieren.

Auch ungeplante Effekte kamen den Briten zugute, wie eine unerwartete Niederlage in Skandinavien, die der geschlagenen Flotte nur den Rückzug ins deutsch kontrollierte aber nicht besetzte Dänemark übrigließ. 1904/05 gelang dann auch noch der Einmarsch nach St. Petersburg und nach einigem Hin und Her die Übernahme von Holland und Belgien, so dass die Briten das Spiel recht unangefochten mit zuletzt neun kontrollierten Versorgungszentren nach Hause bringen konnten.

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